Schmerzentstehung, Schmerzbehandlung

Schmerz lass nach!

Einleitung

Man könnte sagen, ich spreche wie ein Blinde von der Farbe, denn ich selbst bin bisher von starken Schmerzereignissen verschont geblieben.
Andererseits beschäftige ich mich als Physiotherapeutin mit dem Phänomen Schmerz beruflich seit 20 Jahren.

Zu mir kommen Menschen nicht, weil sie unter einer schlechten Haltung leiden, oder weil sie über ihren großen Zeh stolpern. Sie kommen, weil ihre Haltung auf Dauer einen muskuläre Dysbalance erzeugt, welche nach und nach zu chronischen Rücken – oder Schulter- oder Knieschmerzen führt.

Fast immer ist es Schmerz, der sie dazu bringt, Hilfe zu suchen.

In meinem Vortrag werde ich mich auf die allgemein gut beeinflußbaren orthopädisch – neurologischen Schmerzerkrankungen beschränken, denn das ist der Bereich, in welchem ich Erfahrung habe.

Über schwere Schmerzen, die nur durch starke Medikamente beeinflusst werden können, z.B. solche, wie sie  im Zusammenhang mit Tumoren auftreten, habe ich wenig Einblick. Ich spare ich daher hier aus.

Und auch auf den großen Bereich der medikamentösen Schmerzbehandlung werde ich in diesem Vortrag nur in sofern eingehen, als es für mein Anliegen nötig ist. Ich möchte Ihnen Möglichkeiten vorstellen, wie Sie selbst Ihre Lebensqualität positiv beeinflussen können.

Schmerzentstehung – Ursachen - Schmerzgedächtnis

Zunächst ist Schmerz ein sinnvolles Warnsignal unseres Körpers.
Der Schmerz lässt uns richtig reagieren. Akuter Schmerz löst sofortiges Handeln aus, um uns vor schlimmen Folgen zu bewahren. Wir eilen zum Zahnarzt, oder in die Klinik und werden sogleich gerettet.

Auslöser für Schmerz ist eine Störung oder Schädigung im Muskel-, Nerven-, oder anderem Körpergewebe.
Das kann ein Trauma sein, ein Entzündungsprozess oder auch ein Säurestau durch Stoffwechselabbauprodukte. Letzterer entsteht, wenn man lange unbeweglich in einer Position verharrt, z.B. Rückenschmerzen am PC, oder es schlafen einem die Füße ein.
 
Wenn wir Schmerzen wahrnehmen, ist unser gesamter Organismus sensibilisert. Das Alarmsignal erreicht über hormonelle und nervöse Weiterleitung jede einzelne Körperzelle. Viele regulären Körpervorgänge wie Verdauung oder Zellerneuerung werden heruntergefahren, damit diese Notsituation angemessen bewältigt werden kann.

Adrenalin rauscht durch den Körper. Das Herz –Kreislauf-System und die Muskulatur werden auf Flucht oder Kampf programmiert - eine instinktive Reaktion, wie sie seit der Urzeit unverändert abläuft.
Diese physiologische Schmerzreaktion ist normalerweise zeitlich begrenzt und bildet sich nach Abklingen der akuten Situation komplett wieder zurück.

In manchen Fällen läuft jedoch die Reaktion anders ab:
Schmerzhemmung: Es ist was da, aber tut nicht weh!

Es gibt Situationen, in denen Schmerzen nicht wahrgenommen werden. Sportler oder Menschen, die unter Todesangst stehen, haben so großen Stress, dass sie schwere Verletzungen erst bemerken, wenn die Anpannung vorbei ist.

Diabetiker sind ein weiteres Beispiel für eine fehlende Schmerzreaktion: sie leiden häufig unter einer Gefühlsstörung der Füße und Beine und bemerken dadurch kleinere Verletzungen nicht.
Durch fehlende Schonung und Therapie wird leicht eine Kettenreaktion in Gang gesetzt, welche die Gesunderhaltung der diabetischen Füße schwer macht.

Es tut was weh, aber es ist nichts da - Das Schmerzgedächtnis

Warum kann sich aus einem akuten, zeitlich begrenzten Schmerz ein chronischer Dauerschmerz entwickeln, der mit dem ursprünglichen Gewebeschaden nicht mehr viel zu tun hat? Weil das Nervensystem lernfähig ist: es hat sich an die vorhergehende Überreaktion angepasst und reagiert langfristig übersensibel.
Dadurch sinkt einerseits die Schmerzschwelle, andrerseits verharrt der Organismus in der oben beschriebenen Alarmbereitschaft und es kommt zur Chronifizierung.
Je länger dieser Zustand andauert, desto schwieriger und langwieriger ist die Behandlung, denn dieses überempfindliche Reaktionsmuster wird nach und nach vom Organismus als normal erlebt.

Chronische Entzündung

Manchmal entwickelt sich aus einer akuten eine chronische Entzündungsreaktion, wenn Gewebe z.B. durch mechanische Reibung immer wieder gereizt wird. Auch in diesem Fall stellt sich das Nervensystem um.

Interessant ist dabei, dass im Organismus kein sog. Schmerzzentrum existiert.
Gehirn und Nervenbahnen werden vom Schmerzgeschehen gleichermaßen vereinnahmt. Sowohl kognitive Bereiche und Emotionen als auch Kleinhirnfunktionen werden sozusagen vom Schmerz "gekidnappt" und stehen für normale Körperfunktionen nicht mehr voll zur Verfügung. Dadurch können Muskelfunktion und Konzentrationsfähigkeit beeinträchtigt werden.

Faktoren der Veränderung

Es gibt zwei Dinge, welche im Leben mit Dauerschmerz unverzichtbar sind: Bewegung und Entspannung.

Bewegungslosigkeit führt sehr schnell zu verkrampfter Erstarrung, welche sich auch auf das Denken und die allgemeine Stimmungslage überträgt.
Wer wirklich Veränderung erleben will, muss Bewegung in sein Leben bringen, auch wenn es zunächst unmöglich erscheint. Nur durch Bewegung kann die im Schmerz erstarrte Haltung aufgelöst werden.
Die Gelenke werden geschmiert. Die Muskeln durchblutet, gedehnt und durchwärmt. Der Stoffwechsel und der Kreislauf werden angeregt. Und inzwischen hat es sich auch schon herumgesprochen, dass Bewegung simmungsaufhellend wirkt.

Es gibt für jeden die passende Auswahl zwischen Gymnastik in einer gutgelaunten Gruppe, Walking, Bewegung im Wasser...., wichtig ist nur, dass es insgesamt gut tut und vor allem, dass es Freude macht.
Gut ist es, sich daran zu erinnern was früher Spaß gemacht hat und in dieser Richtung nach einem passenden Angebot zu suchen.

Wirkung von Entspannung auf den Schmerzmechanismus

Der Begriff Entspannung kann hier sehr weit gefasst werden, denn der Weg dahin ist individuell sehr unterschiedlich. Wichtig ist nur, dass bei Ihnen eine positive Assoziation auftaucht, wenn Sie das Wort „Entspannung“ hören.

Schmerz ist ein starker, irritierender Stressfaktor für den Gesamtorganismus. Gelegentlich scheint das geplagte Leben der Betroffenen in einem Teufelskreis von Schmerz, Anspannung und Bewegungslosigkeit komplett zu erstarren.

Bewusste Entspannung bewirkt eine Umschaltung im Zwischenhirn, es beginnt eine Gegenregulation.
Herzschlag, Blutdruck und Atemfrequenz werden gesenkt, der Muskeltonus normalisiert sich, und ein Gefühl von Ruhe und Wohlbehagen breitet sich aus.
Es ist im entspannten Zustand viel leichter, sich all dem zuzuwenden, was das Leben außer Schmerzen sonst noch zu bieten hat - und das ist sicher sehr vieles.

Entspannung ist im Alltag unverzichtbar. Eine Mittagsruhe auf dem Sofa unter einer Decke, bei einer Tasse Kaffee die Sonne im Gesicht spüren, eine Umarmung, sich in ein Buch versenken, eine Mahlzeit ganz in Ruhe einnehmen, usw.

Mit chronischen Schmerzen ist es schwer, sich als entspannt zu erleben, denn das über eine lange Zeit bestehende Stress und Anspannungsmuster lässt sich zunächst nicht einfach auflösen.

Dann ist es gut und richtig sich Hilfe zu suchen. Es gibt viele Möglichkeiten. Ein großes Angebot an Kursen steht zur Verfügung und es ist einen Versuch wert, die eine oder andere Methode auszuprobieren. Alle Formen der Massage, helfen dabei, das verlorene Gefühl angenehmer Gelöstheit wieder zu erleben und es zumindest für eine Weile in den Alltag mitzunehmen.

Regenerative Prozesse und Reaktionen des Immunsystems können unter Stress nicht optimal stattfinden, auch deshalb ist in Genesungssituationen die bewusst eingeplante Entspannungszeit besonders wichtig.

Weitere Lösungsmöglichkeiten

Schmerz als Chance zu Veränderung – zunächst erscheinen diese Veränderungen nur als Defizite.
Schmerz, Angst, Einschränkungen und Verlust von Lebensqualität – wo soll da eine Chance sein?
„Ich bin nicht belastbar, kann nicht mehr Tennis spielen, nicht mehr bei Wanderungen mitmachen, Haus und Garten überfordern mich ...“

Wir sehen den Mangel im Vergleich zu unserem früheren Leben. Wir schauen so genau und oft und gründlich auf das, was nicht geht, dass wir darüber fast vergessen, was leicht geht.
Es mag nötig sein, sich von liebgewordenen Dingen zu verabschieden, die dauerhaft nicht mehr möglich sind, aber dieser Verlust bietet wiederum Zeit, etwas Neues auszuprobieren.

Wenn aus medizinischer Sicht alles getan ist; wenn es einen Therapieplan und gute Betreuung durch Fachleute gibt, wenn bekannt ist, dass nichts wirklich „kaputt“ ist, wird es Zeit, Bilanz zu ziehen - und das weitere Leben zu gestalten.

Wichtig ist es, dann das Augenmerk von der Beschränkung weg und hin zu allem anderen zu lenken - und zu handeln: mit dem Ziel, innerhalb der vorhandenen Grenzen die Fülle des Lebens dennoch zu erleben.
 
Wer nicht mehr Tennis spielen kann, kann Rückenggymnastik machen oder Walken gehen.
Wer nicht mehr wandert, wird stattdessen vielleicht mit Enkeln zum Spielplatz gehen.
Und wer sich durch die Hausarbeit überfordert fühlt, darf sich Hilfe suchen.

Fazit

Schmerz setzt Grenzen. Unser Körper zeigt uns, wann sie erreicht sind.
Wenn wir sie nicht beachten, halten wir den Schmerz–Stress-Teufelskreis aufrecht und schaden uns weiter.
Hier ist der Moment, an dem es sich lohnt, etwas Anderes zu probieren.
Es geht darum, selbst über das eigene Leben zu bestimmen, anstatt von Schmerz und Krankheit bestimmt zu werden.

Wichtig ist dabei die Erkenntnis, dass es sich bei der Bewältigung chronischer Krankheiten um einen sehr persönlichen Entwicklungsprozess handelt, der seine Zeit braucht.
Auf dem Weg zu einer lebenswerten Zukunft gibt es allerlei innere und äußere Hindernisse und auch Abgründe, welche mit Geduld und Hilfe überwunden werden können.