Ursache und Entstehung von chronischen Stress- und Schmerzbeschwerden
Einleitung
Das Thema „Stress“ ist ungebrochen populär. Zwischen den verschiedensten Ratschlägen und Fachbüchern kann man sich geradezu verlieren.
Viele Menschen sehnen sich nach mehr Balance im Leben. Unser Anspruch, immer mehr Aktivitäten in immer weniger Zeit packen zu müssen, hinterlässt oft deutliche Spuren im Körper.
Dadurch wächst der Wunsch nach einem Leben im Einklang mit sich selbst.
Außerdem findet man in vielen Fachbüchern spannende neue Erkenntnisse der Hirnforschung.
Somit sind die Theorien der Stressentstehung und –bewältigung inzwischen einem breiten Publikum bekannt.
Doch Wissen allein genügt nicht - die Theorien finden meist nicht den Weg aus dem Bücherregal heraus ins Alltagsleben hinein. Denn der Alltag ist meist nicht so organisiert, dass man die vorgeschlagenen Strategien leicht umsetzen könnte. Und so macht man einfach weiter wie bisher...
Hier sollte man sich eine Unterstützung suchen, um die unheilvolle Paarung von Anspannung und Erschöpfung zu beenden, und zwar besonders, wenn sich im Körper bereits eine Belastungsstörung entwickelt hat.
Die Fähigkeit zur Selbstregulation muss wiederhergestellt werden. Dadurch wird es dann auch wieder leichter, den Anforderungen des Alltags gewachsen zu sein.
Und die Lebensqualität kann sich deutlich verbessern.
Im Folgenden werde ich kurz die Entstehungsmechanismen und die Auswirkungen von chronischen Stress und Schmerz erklären. Diese Informationen sind wichtig, um die verschiedenen Methoden der Behandlung nachvollziehen zu können und die passende auszuwählen.
Was ist eigentlich Stress?
Stress ist zunächst eine lebenserhaltende Anpassungsreaktion jedes Organismus auf verschiedene Reize.
Dies beginnt beim Einzeller: er zieht sich auf einen Reiz hin zusammen und dehnt sich im Anschluss daran wieder aus. Dieser Wechsel von Kontraktion und Entspannung kann als die „Urform“ der Selbstregulation bezeichnet werden. Es handelt sich also zunächst um eine normale Reaktionsweise, um flexibel auf äußere Anforderungen zu reagieren.
Bei höheren Lebewesen wird diese Anpassung von den Fasern des vegetativen Nervensystems reguliert.
Dieses Nervensystem steuert alle grundlegenden Körperfunktionen und hat Einfluss auf die Funktion jeder einzelnen Zelle des Organismus.
Über Nervenimpulse, durch Stoffwechselveränderungen und Hormonausschüttung (Adrenalin, Cortisol) werden das Herz- und Kreislaufsystem, die Atmung, der Energiestoffwechsel, die Muskelspannung und die Funktion von Verdauung und Immunsystem direkt beeinflusst.
Reaktionsablauf
Stressmuster: Unsicherheit, Druck oder Angst aktivieren das sympatische Nervensystem, Kampf- oder Fluchtreaktionen werden vorbereitet. Es kommt zur Ausschüttung der Stresshormonen Adrenalin und Cortisol. Adrenalin beeinflusst die Herzfrequenz, der Blutdruck erhöht sich, Blut schießt in die Beine - wir können schnell reagieren. Cortisol stellt Energiereserven bereit. Es bleibt viele Stunden im Körper. Durch den Cortisoleinfluss erhöht sich auch der Blutzuckerspiegel, um Energiereserven für längere Belastung bereitzustellen.
Diese Stoffwechselanpassungen helfen uns, aktuelle Überlastungssituationen zu bewältigen. Sie sind sinnvoll, weil in kürzester Zeit enorme Energie zum bereitgestellt wird. Alle regenerativen Körpervorgänge (Verdauung, Zellerneuerung, Immunsystem) werden während der „Alarmbereitschaft“ abgeschaltet.
Der Parasympathikus sorgt dafür, dass der Organismus nach Beendigung des Alarmzustandes nach einiger Zeit wieder zur ursprünglichen Balance zurückkehrt und dass die regenerativen Prozesse wieder aufgenommen werden.
Muskuläre Mobilmachung bei Kampf- oder Fluchtreaktion
Bei einer Kampfsituation (Konflikt, Trauma, Unfall) beißt man die Zähne zusammen und spannt die Hals-, Nacken-und Rückenmuskulatur an. Bei einer Fluchtreaktion verdreht man den Kopf und Rumpf nach rechts oder links, um weglaufen zu können, und die Hüftbeugemuskeln werden aktiviert. Beide Reflexmuster machen den Körper sofort handlungsbereit.
Wenn in einer Notsituation weder Kampf noch Flucht möglich erscheinen, kommt es im Körper zu einer „Angststarre“: die allgemeine Muskelspannung ist dann zwar erhöht, aber man ist „starr vor Angst“.
Auch klares Denken fällt in dieser Situation schwer.
Diese Reflexmuster laufen seit der Urzeit unverändert ab. Bei wirklicher Gefahr sind sie sinnvoll und lebensrettend. Aber die Muskulatur braucht eine ganze Weile, bis sie nach der überstandenen Stresssituation wieder zur ursprüngliche Grundspannung zurückkehren kann. Besonders gilt dies, wenn die muskuläre Energie nicht ausgelebt wird - wenn man also weder rennen, noch einen Punchingball bearbeiten kann. Dann bleibt das Stressmuster sehr lange im Körper präsent.
Auswirkungen von chronischem Stress auf körperliche Vorgänge:
Werden die beschriebenen Reaktionen häufig ausgelöst, integriert das Körpersystem diese Körperhaltungen und die erhöhte Muskelspannung. Als Folge davon sind die Muskeln und Knochenstrukturen dauerhaft überlastet. Diese negative Entwicklung hängt einerseits von der Häufigkeit, der Dauer und Intensität der äußeren Reize ab, anderseits aber auch von der individuellen Belastbarkeit einer Person und ihren Bewältigungsstrategien im Umgang mit diesen Reizen.
Neben der muskulären Anspannung, die willentlich oft nicht mehr ohne Weiteres gelöst werden kann, kommen nach einiger Zeit häufig weitere stressbedingte Beschwerden hinzu:
Eine Ursache ist das oben beschriebene Hormon Cortisol. Noch Stunden nach dem Abklingen der akuten Stresssituation bleibt das Hormonlevel im Blut erhöht - und dies wirkt sich auf viele Körperfunktionen aus. Der Blutzuckerspiegel und der Blutdruck sind erhöht, und die Funktionen von Immunsystem, regenerierender Stoffwechsel und Verdauung werden reduziert oder ganz abgeschaltet.
Auswirkungen auf das Gehirn
Die oben beschriebenen Stressreaktionen wirken sich auch direkt auf das Gehirn aus:
Die Sinne sind besonders geschärft. Im Fall einer Gefahr ist das sinnvoll, aber im harmlosen Alltag, wo kein Säbelzahntiger hinter dem Kühlschrank lauert, führt es dazu, dass wir in angespannten Situationen vollkommen überreagieren. Wir sind z.B. besonders geräuschempfindlich und fühlen uns durch Kleinigkeiten schon übermäßig „genervt“.
Und trotz geschärfter Sinne ist das Gehirn eigentlich blockiert: freie Denkprozesse, die Konzentration auf eine Arbeit, das innere „bei der Sache sein“ funktionieren nämlich nur im entspannten Zustand optimal.
Diese Zusammenhänge und die vielfältigen und tiefgreifenden Wechselwirkungen zwischen körperlichen Vorgängen und Gehirnfunktion, innerer und äußerer Lebenshaltung wurden in letzter Zeit intensiv erforscht. Darauf werde ich in anderem Zusammenhang genauer eingehen.
Vom Stress zur psychosomatischen Krankheit
Wenn Belastung und Anspannung als übermächtig oder dauerhaft erlebt werden und mit dem Eindruck des Ausgeliefertseins einhergehen, kann es zu vielfältigen Störungen kommen: auf körperlicher, emotionaler, psychischer oder sozialer Ebene.
Traumatische Erlebnisse wie ein Unfall oder eine schwere seelische Erschütterung werden meistens nach und nach vom Körper gut bewältigt. Manchmal jedoch kommt es vor, das der Organismus mit der Belastung nicht fertig wird und sozusagen im Stressmuster von innerer und äußerer Anspannung verharrt.
Die andere Ursache von chronischem Stress funktioniert nach dem Motto „Steter Tropfen höhlt den Stein“:
Der menschliche Organismus ist im Grunde sehr flexibel und kann auch eine ganze Weile im Ausnahmezustand ganz gut leben. Allerdings braucht er nach solch einer Zeit (Prüfungsphase, Hausbau, Teilnahme am Marathonlauf) auch eine ungefähr genau so lange „unaufgeregte“ Zeitspanne, um alle Körperfunktionen komplett zu regenerieren und um seine Belastbarkeit wieder herzustellen.
Wenn diese Regenerationsphasen fehlen, oder es im strapaziösen Alltag nicht möglich ist, sich regelmäßig bewusste „Auszeiten“ und positive Abwechslungen einzurichten, dann schafft es das Körpersystem manchmal nicht mehr, von der Stress- zur Entspannungslage umzuschalten. Die Muskelverspannung, der erhöhte Blutdruck, die innere Unruhe werden zum Normalzustand. Dem Körper fehlt die Regeneration. Psychosomatische Beschwerden wie Reizdarm, Kopfschmerzen oder Schlafprobleme sind häufige Symptome. Sie gehen einher mit innerer Unruhe und Erschöpfung. Denn das Gefühl für Entspannung ist verloren gegangen.
Chronischer Stress – chronischer Schmerz
Schmerz ist ein starker Störfaktor, welcher ähnliche Prozesse im Körper auslöst wie Stress.
Auf die Entstehungsmechanismen von chronischen Schmerzen möchte ich hier nicht eingehen. Es ist aber wichtig, sich klarzumachen, dass Schmerzen das Gesamtgefüge des Organismus nachhaltig irritieren können.
Im Gehirn gibt es kein Schmerzzentrum - sondern die Schmerzen besetzen sozusagen einfach manche Hirnareale. Dies führt zu Konzentrationsproblemen und allgemeiner leichter Irritierbarkeit.